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RIO'S CRACKLAND - Drug users pose for AP photographer Felipe Dana in the open-air crack cocaine market, known as a cracolandia or crackland, where users can buy crack and smoke it in plain sight, in Rio de Janeiro. (ap)


DIE MEDIEN KÜMMERT ES NICHT, WAS HIER GESCHIEHT - Am 2. April 2015 wurde Eduardo de Jesus Ferreira während einer Schiesserei tödlich getroffen. Die Polizei gab an, das helle, weisse Mobiletelefon in der Hand des Zehnjährigen für eine Waffe gehalten zu haben. Der Vorfall ereignete sich im Complexo do Alemão, einer der grössten Favelas von Rio, die den Spitznamen Gaza de Rio trägt und aus 25 Siedlungen besteht, in denen über 650'000 Menschen leben. - Die Armenvierteln von Rio wurden - mit Blick auf die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 - permanent mit Polizeieinheiten besetzt, der sogenannten Policia Pacificadora («Befriedungspolizei»). Die Strategie der territorialen Rückeroberung zeigte zunächst Wirkung, doch die Probleme sind bis heute nicht gelöst. Von den Anwohnern wird die Polizei als Besatzungsmacht wahrgenommen, fast täglich kommt es zu Schiessereien. Zu den Opfern gehören oftmals Zivilisten, die zwischen die Fronten der Drogenbanden und der Polizei geraten. Die Brasilianer haben ein gespanntes Verhältnis zur nationalen Polizei, das auf die brasilianische Militärdiktatur (1964-1985) zurückzuführen ist. Während die Polizei von den einen verehrt wird, begegnen ihr die anderen mit Angst und Misstrauen. Die grosse Mehrheit der jedes Jahr in Alemão von der Polizei Getöteten - gemäss Amnesty International rund 2'000 Menschen pro Jahr - sind Jung und Schwarz. Zu Verurteilungen von Beamten kommt es äusserst selten, obwohl Brasilien eine funktionierende Demokratie ist und solche Hinrichtungen juristisch verfolgt werden könnten. - Die Geschichte von Eduardo ist eine der wenigen, die eine breitere Öffentlichkeit erreicht hat. Normalerweise kümmert es die Medien nicht, was in den Favelas geschieht. Nur selten wird über die Exekutionen durch die Polizei berichtet, denn eine Berichterstattung aus den Favelas ist für Nichtansässige praktisch unmöglich. Aus diesem Grund und aus Frustration über die fehlende Berichterstattung in den Medien, haben die Anwohner im Complexo do Alemão das Kollektiv "Papo Reto" (ehrliche Rede) gegründet. Papo Reto sammelt und verbreitet Bilder und Meldungen über soziale Medien, um auf die Lebensbedingungen in Alemão aufmerksam zu machen - Blackouts, Ausgangssperre, die erstickende Polizeipräsenz - und der Bevölkerung eine Stimme zu geben. - Der Fotograf Sebastian Liste wurde für diese Arbeit mit dem World Press Photo Award 2016, 3. Platz Alltagsleben (Daily Life, Stories), ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Agentur NOOR, einer Partneragentur von KEYSTONE.

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